Christliche Kirchen Gottes

 

[122]

 

 

 

Die allgemeine Verbreitung der Sabbatistenkirchen [122]

 

(Auflage 2.1 19950624 – 19991205)

 

 

Dieses wichtige Referat stellt die Sabbatistenkirchen im Nahen Osten, in Europa und durch ganz Asien vom ersten Jahrhundert an dar. Es deckt eine Zeitspanne von etwa zwei Jahrtausenden und ist eine umfassende Aufzeichnung der Geschichte dieser Kirchen als auch der ständigen Versuche des Systems, das die Einhaltung des Sonntags befürwortete, sie durch Verfolgung auszurotten.

 

 

 

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Die allgemeine Verbreitung der Sabbatistenkirchen [122]

 


Geschichtlicher Hintergrund

Nach einer Untersuchung der Geschichte der Sabbatistenkirchen können wir einige wichtige Schlussfolgerungen über diese Kirchen ziehen. Wir können auch ein System der Observanz zurückverfolgen, das zeigt, dass das biblische Modell, das Christus gründete, niemals seine Gültigkeit verloren hat. Es gibt einige bedeutungsvolle Beispiele, die in der Geschichte der Sabbatistenkirchen der frühen christlichen Welt und Europas bis in das Mittelalter in regelmäßiger Folge erscheinen. Die Sabbatistenkirchen, auch Sabbatati genannt, haben weltweit zu verschiedenen Epochen immer bestanden. Es scheint auch, als hätten sie in ihren Zentren schon seit frühester Zeit die heiligen Tage immer eingehalten.

 

Die Einhaltung des Sabbats war weit verbreitet und scheint schon früh die Opposition der Römischen Kirche auf sich gezogen zu haben. Auch in Ägypten wurde sie praktiziert, wie der Oxyrhynchus Papyrus (ca. 200 – 250 n. Chr.) zeigt:

 

Es sei denn, ihr macht den Sabbat zum wahren Sabbat (Gr. “sabbatisiert” den Sabbat), werdet ihr den Vater nicht sehen (Die Oxyrhynchus Papyri, Teil 1, S. 3, Logion 2, Verse 4 – 11, London: Office of the Egyptian Exploration Fund, 1898).

 

Auch Origen empfahl die Einhaltung des Sabbats:

 

Nach dem Fest des nimmer endenden Opfers (der Kreuzigung) gilt als zweites das Fest des Sabbats, und es gebührt jedem Gerechten unter den Heiligen, dass er das Fest des Sabbats auch hält. Darum ist noch ein Sabbatismus, das heißt, ein Einhalten des Sabbats vorhanden dem Volke Gottes [Hebräer 4:9] Homily on Numbers 23, para. 4, in Migne, Patrologia Grǽca, Vol. 12, cols. 749, 750).

 

In gleicher Weise erklärt die Konstitution der Heiligen Apostel (Ante-Nicene Fathers, Band. 7, S. 413; ca. 3. Jh.):

 

Du sollst den Sabbat heiligen, weil du an den gedenkst, der seine Schöpferarbeit niederlegte, aber nicht aufhörte, seine Geschöpfe zu versorgen: Es ist ein Feiertag zur sinnenden Betrachtung des Gesetzes, nicht zur Trägheit der Hände.

 

Das Inhale des Sabbats, das ursprünglich in der Kirche als die Norm galt, verbreitete sich nach Europa und von Palästina aus nach Indien (Mingana: Early Spread of Christianity, Band 10, S. 460) und dann nach China. Die Einführung des Sabbats in Indien verursachte dem Buddhismus um 220 n. Chr. große Konflikte. Lloyd zufolge (The Creed of Half Japan, S.23), berief die Kuschan-Dynastie Nordindiens einen Rat der buddhistischen Priester zu Vaisalia ein, um Einheitlichkeit unter den buddhistischen Mönchen bezüglich der Einhaltung ihres wöchentlichen Sabbats zu bewerkstelligen. Einige waren so beeindruckt von den Schriften des Alten Testamentes, dass sie auch begonnen hatten, den Sabbat einzuhalten.

 

Die Sabbatarier Europas waren keine unbedeutende Macht. Die Kirche, die in Mailand gegründet worden war, hielt den Sabbat ein.

 

Es war allgemeiner Brauch der östlichen Kirchen, und auch einiger Kirchen des Westens …… Denn in der Kirche Mailands scheint der Samstag in Ehren gehalten worden zu sein ….. Nicht, dass die östlichen Kirchen, noch irgendwelche, die diesen Tag heiligten, zum Judaismus neigten, sondern dass sie sich am Sabbat sammelten, um Jesus Christus, den Herrn des Sabbats, anzubeten (Dr. Peter Heylyn: History of the Sabbath, London 1636, Teil 2, Absatz. 5, S. 73 – 74).

 

Die westlichen Kirchen der Gothen hatten unter dem Einfluss Roms vermutlich aufgehört, den Sabbat einzuhalten, obwohl die Gothen selber keine Katholiken waren, sondern Subordinationisten oder sogenannte Arianer. Sidonius berichtet folgendes aus der Zeit Theoderichs (454 – 526):

 

Es ist eine Tatsache, dass es früher im Osten üblich war, den Sabbat in derselben Weise einzuhalten, wie den Tag des Herrn, und heilige Versammlungen zu halten. Dagegen hielten sich die Leute des Westens an den Tag des Herrn und unterließen es, den Sabbat zu feiern (Apollinaris Sidonii Epistolǽ, Lib. 1,2; Migne, 57).

 

Die Westgoten jedoch, die nach Südgallien und Spanien zogen, waren Adoptianisten und wurden Bonosier genannt, vermutlich nach Bonosus von Sardika, der lehrte, dass Joseph und Maria Kinder gehabt hätten. Er wurde mit Marcellus und Photius assoziiert und ihnen zugeordnet, welches zeigt, dass er ähnliche Ansichten über den Sabbat und das Gesetz hatte wie sie.

 

Das scheint auch von der Tatsache untermauert zu werden, dass Marseilles das Zentrum der westlichen Massilienser war, eine Bewegung, die an eine abgeschwächte Form der Prädestination glaubte, und die sich dort rapide verbreitete und schließlich um 529 in Oranien (wahrscheinlich zu Unrecht) als Pelagianismus verdammt wurde (ERE: Sects, Band XI, S. 319).

 

Aus dem Kanon 26 des Konzils von Elvira (ca. 305) geht hervor, dass die Kirche in Spanien den Sabbat eingehalten hatte. Rom hatte das Fasten am Sabbat eingeführt, um diesem Brauch entgegenzuwirken. Papst Sylvester (314 – 335) war der erste, der den Kirchen befahl, am Sabbat zu fasten, und Papst Innozenz (420 – 417) machte dieses Gebot den Kirchen, die ihm unterstanden, zum bindenden Gesetz.

 

Innocentius bestimmte, dass am Samstag, nämlich am Sabbat, immer gefastet werden sollte (Peter Heylyn: History of the Sabbath, Teil 2, Kapitel 2, London 1623, S.44).

 

Kirchenvorschrift 26 des Konzils von Elvira bestimmte:

 

Was das Fasten an jedem Sabbat betrifft: dass die Irrlehre berichtigt wird, an jedem Samstag zu fasten.

 

Die Stadt Sabadell in der Nähe von Barcelona im Nordosten Spaniens bekam ihren Namen von den Sabbatati, bzw. den Waldensern. Das Alter dieses Namens und auch der Begriffe Sabbatati und Insabatati spricht gegen die Auffassung, dass Waldes der Gründer der Waldenser gewesen sei. Im Gegenteil lässt die Verbreitung der Waldenser eher darauf schließen, dass Waldes von ihnen bekehrt wurde und ihren Namen annahm. Das wird später noch einmal erörtert werden.

 

In Persien erlitten die Sabbatarier vierzig Jahre lang in der Zeit zwischen 335 und 375 unter Schapur II Verfolgung, gerade weil sie den Sabbat einhielten.

 

Sie verachten unseren Sonnengott. Führte nicht Zarathustra, der heilige Gründer unseres göttlichen Glaubens, vor tausend Jahren den Sonntag zu Ehren der Sonne ein und ersetzte damit den Sabbat des Alten Testaments? Dennoch feiern diese Christen am Samstag ihre Gottesdienste (O’Leary: The Syriac Church and Fathers, S. 83 – 84, zitiert nach Truth Triumphant, S. 170).

 

Diese Verfolgung wurde im Westen im Konzil von Laodicea (ca. 366) widerspiegelt. Hefele bemerkt:

 

Kirchenvorschrift 16 – Die Evangelien und andere heilige Schriften sollen am Sabbat gelesen werden (vgl. auch Kanon 49 und Kanon 51, Bacchiocchi, fn. 15, S.217).

 

Kirchenvorschrift 29 – Christen sollten nicht judaisieren, indem sie am Sabbat ruhten; sie sollten lieber an diesem Tag arbeiten und den Tag des Herrn ehren und, wo möglich, als Christen an ihm ruhen. Wer sich aber als Jude aufführt, dem soll um Christi willen der Kirchenbann auferlegt werden (Mansi II, S. 569 – 570; siehe auch Hefele: Councils, Band 2, B. 6).

 

Der Historiker Sokrates sagt:

 

Denn obwohl fast alle Kirchen in der ganzen Welt die heiligen Mysterien [bei den Katholiken die Eucharistie oder das heilige Abendmahl des Herrn, so genannt] in jeder Woche am Sabbat feiern, weigern sich die Christen Alexandriens, wegen irgendeiner alten Tradition, dieses zu tun (Sokrates: Ecclesiastical History, Buch 5, Kapitel 22, S. 289).

 

Der Sabbat wurde bis ins fünfte Jahrhundert von der Christenheit eingehalten (Lyman Coleman: Ancient Christianity Exemplified, Kapitel 26, Abschnitt 2, S. 527). Zur Zeit des Hieronymus (420) verrichteten fromme Christen entschieden schon am Sonntag normale Arbeit (Dr. White, Bischof von Ely: Treatise of the Sabbath Day, S. 219).

 

Augustinus von Hippo, der mit großer Überzeugung den Sonntag einhielt, gab jedoch zu, dass der Sabbat im größten Teil der damaligen christlichen Welt eingehalten wurde (Nicene and Post-Nicene Fathers [NPNF], erste Serie, Band 1, S. 353 – 354) und missbilligte die Tatsache, dass von zwei benachbarten Kirchen in Afrika eine den siebten Tag, bzw. den Sabbat heiligte, während die andere am Sabbat fastete (Peter Heylyn, op. cit., S. 416).

 

Die Kirchen hielten damals generell den Sabbat ein, und das über eine recht lange Zeit.

 

Die Urchristen waren sehr bedacht auf die Einhaltung des siebten Tages, oder des Sabbats ….. Es ist klar, dass alle orientalischen Kirchen und der größte Teil der restlichen Welt den Sabbat als Fest einhielten …… Athanasius berichtet auch, dass sie am Sabbat religiöse Versammlungen hielten, nicht weil sie vom Judaismus beeinflusst waren, sondern weil Jesus , der Herr des Sabbats, angebetet werden sollte. Epiphanius sagt das Gleiche (Antiquities of the Christian Church, Band II, Buch xx, Kapitel 3, Abschnitt 1, 66. 1137, 1136).

 

In der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts reiste Museus, der Bischof der sabbatistischen abessinischen Kirche, nach China. Abrosius von Mailand zufolge reiste Museus durch fast ganz China (Ambrosius: De Moribus, Brachman-orium Opera Omnia, 1132, in Migne: Patriologia Latina, Band 17, S. 1131 – 1132). Mignana zufolge reiste der abessinische Museus um 370 nach Arabien, Persien, Indien und China (siehe auch fn. 27 zu Truth Triumphant, S. 308).

 

Die Sabbatistenkirchen etablierten sich in Persien und im Tigris-Euphrat-Becken. Ihre Mitglieder hielten den Sabbat ein und zahlten den Zehnten an ihre Kirchen (Realencyclopœie fur Protestantishe und Kirche, Art. Nestorianer; siehe auch Yule: The Book of Ser Marco Polo, Band 2, S. 409). Die St.-Thomas-Christen Indiens hatten nie Religionsgemeinschaft mit Rom.

 

Sie heiligten alle den Sabbat. Das Gleiche galt für die Kirchen, die nach dem Konzil von Chalcedon die Religionsgemeinschaft mit Rom abbrachen. Dazu gehörten die Abessinier, die Jakobiten, die Maroniten, die Armenier und die Kurden, die sich an die Speisegesetze hielten, die Beichte und das Fegefeuer aber ablehnten (Schaff-Herzog: The New Encyclopoedia of Religious Knowledge, Art. Nestorians und Nestorianer, wie oben).

 

Im Jahre 781 entstand die Eingravierung in den Marmor des berühmten China-Denkmals, die von dem Wachstum des Christentums im damaligen China berichtet. Die Eingravierung, die 763 Wörter enthält, wurde 1625 bei Ausgrabungen in der Nähe der Stadt Changan entdeckt und ist heute in dem Forest of Tablets (Wald der Tafeln) in Changan beheimatet. Der folgende Auszug aus diesen Tafeln berichtet:

 

Am siebten Tag bringen wir, nachdem wir unsere Herzen gereinigt und Absolution unserer Sünden empfangen haben, Opfer dar. Diese Religion, so vollkommen und hervorragend, ist schwierig zu nennen, aber sie erleuchtet unsere Dunkelheit mit ihren wunderbaren Grundsätzen (M. l’Abbe Hue: Christianity in China, Band 1, Kapitel 2, S. 48 – 49).

 

Die Jakobiten waren um 1625 in Indien als Sabbatarier bekannt (Pilgrimmes, Teil 2, S. 1269).

 

Die abessinische Kirche hielt am Sabbatismus fest, obwohl die Jesuiten sie in Äthiopien zum römischen Katholizismus zu bekehren suchten. Der abessinische Legat am Hofe Lissabons leugnete, dass seine Kirche den Sabbat einhielte, um den Juden nachzuahmen. Sie wollten eher Christus und den Aposteln gehorchen (Geddes: Church History of Ethiopoia, S. 87 – 88). Schließlich überredeten die Jesuiten im Jahre1604 den König Zadenghel, sich dem Papst in Rom zu unterwerfen und bei schwerer Strafe das Einhalten des Sabbats zu verbieten (Geddes: ibd., S. 311, und Gibbons: Decline and Fall of the Roman Empire, Kapitel 47).

 

Der Sabbat in Italien

Es wird behauptet, dass Ambrosius von Mailand in Mailand den Sabbat einhielt und in Rom den Sonntag, welches zu einer bekannten englischen Redensart führte: When in Rome, do as Rome does (Wenn du in Rom bist, tue, was Rom tut). (Heylyn: op. cit., 1612) Heylyn identifiziert ab dem vierten Jahrhundert die Kirche Mailands als das Zentrum der Sabbatisten des Westens (ibd., Teil 2, Absatz 5, S. 73 – 74). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass, zu der Zeit, als Petrus Waldes sich den Waldensern anschloss, die Sabbatarier, den Aussagen der Waldenser zufolge, dort ihre Schulen hatten. Der Sabbat war schon seit Jahrhunderten in Italien eingehalten worden, und beim Konzil zu Friaul (ca. 791) äußerte man sich im Kanon 13 stark gegen diesen Brauch, der von den Bauern praktiziert wurde.

 

Wir befehlen allen Christen, den Tag des Herrn zu heiligen, nicht am Sabbat der Vergangenheit, sondern zu Ehren der heiligen Nacht des ersten Tages der Woche, welcher der Tag des Herrn genannt wird. Wenn von dem Sabbat geredet wird, den die Juden einhalten, dem letzten Tag der Woche, welchen auch die Bauern einhalten ….. (Mansi, 13, 851).

 

Es bestand also in Europa zwischen Mailand und Lyon ein Kern der sabbatistischen Tradition. Letzteres wurde das Zentrum der Bettelmönche, ein Zweig der Sabbatati oder Insabatati, die später als die Waldenser bekannt wurden. Die Verbindung zwischen Mailand und Lyon wurde von Pothinus und Irenäus (ca. 125 – 203) bestärkt. Beide waren Anhänger des Polykarp, der wiederum Jünger des Johannes war, und beide waren Sabbatarier. Irenäus wurde nach dem Martyrium des Pothinus unter der Verfolgung des Mark Aurel Bischof von Lyon. Diese Verfolgung, die um 177 stattfand, ist uns aus den Berichten der Kirchen von Lyon und Vienne bekannt, und sie sind es wahrscheinlich auch, die dieselben Kirchen dazu veranlassten, für Milde gegen die phrygischen Montanisten zu plädieren,(obwohl sie selbst gemäßigt in ihren Ansichten waren, und in keiner Weise montanistisch (The Catholic Encyclopedia [C.E.], Art. Montanists, Band X, S. 522 – 523). (Montanus und die Prophetinnen Maximilla und Prisca oder Priscilla äußerten, wahrscheinlich unter dem Einfluss des phrygischen Kultes der Kybele, ekstatische Prophezeiungen. Sie und ihre Anhänger wurden verurteilt).

 

Irenäus war Unitarier, wie auch Justin der Märtyrer und alle vor-nicänischen Apologeten. Er erklärte, dass die Kirche einen festen und beständigen Glauben habe, bzw. dass es nur einen Schöpfer der Welt gebe, nämlich Gott den Vater (ANF, Band 1, Against Heresies, Buch II, Kapitel IX, S. 369). Er brachte die Stellungnahme der Kirche wie folgt zum Ausdruck:

 

Vollkommene Gerechtigkeit wurde niemals durch irgendeine andere Rechtshandlung zuteil. Der Dekalog wurde jedoch nicht von Christus widerrufen; er ist immer noch gültig. Die Menschen wurden nie von den zehn Geboten entbunden (ANF, Band 1, Against Heresies, Buch IV, Kapitel XVI, S. 480).

 

Er zitiert Hesekiel (Ezek. 20:12) und Mose (Exodus 21:13), wo der Sabbat als Zeichen zwischen Gott und seinem Volk dargestellt wird. Der Sabbat wurde als Zeichen gegeben, welches auch symbolisch zu deuten ist. Der Sabbat lehrte, dass wir Tag für Tag ständig Gott dienen sollten. Der Sabbat rechtfertigte den Menschen nicht, aber er wurde dem Volk als Zeichen gegeben (ibd., S. 481).

 

Ignatius, Bischof von Antiochien zur Zeit Trajans (98 – 117AD ), äußerte sich gegen den Hang zum Judaismus in seinem Gebiet. Das hartnäckige Festhalten an den jüdischen Sitten, wie der Einhaltung des Sabbats, wird von diesem Autor besonders erwähnt (Epistle to the Magnesians; siehe auch Bacchiocchi, S. 213). Man kann es sich deshalb kaum vorstellen, dass ein radikaler Bruch mit dem Sabbatismus schon stattgefunden haben sollte (ibd., S. 214). Ganz offensichtlich war Ignatius darauf bedacht, die traditionellen jüdischen Bräuche zu bekämpfen, die am Sabbat praktiziert wurden, obwohl der Sabbat ansich noch von beiden Parteien eingehalten wurde.

 

Justin der Märtyrer, der selber Unitarier war, erklärte den Begriff des Sonntagsgottesdienstes (ANF, Band 1, First Apology, LXVII, S. 185 – 186) und versuchte, seinen jüdischen Freund Trypho von der Richtigkeit dieses Brauchs zu überzeugen (z.B. siehe ANF, Band 1, Dialogue with Trypho, Kapitel XII, S. 200). Bacchiocchi (vielleicht die maßgebliche Autorität auf dem Gebiet des Übergangs vom Sabbatismus zur Einhaltung des Sonntagsgottesdienstes: From Sabbath to Sunday, Pontifical Gregorian University Press, Rom, 1977) befasst sich mit der Unterlassung Justins, frühere Beispiele zur Berechtigung des Brauches zu nennen. Justins Argumente setzen voraus, dass zu seiner Zeit die Einhaltung des Sonntags den Juden so wie den jüdischen Christen fremd war (S. 156). Epiphanius (ibd.) nimmt an, dass auch die Nazarener nicht den Sonntag einhielten. Die Nazarener, deren Existenz im vierten Jahrhundert von Hieronymus bezeugt wird, sind vermutlich direkte Nachkommen der Christengemeinde von Jerusalem, die nach Pella verzog (Bacchiocchi, ibd.).

 

Der Sinn des Sabbats wurde von den frühen Verfassern als ein geistiger verstanden, während es den Juden um das Konkrete, Physische des Sabbats ging. Das war der Kern der Debatte. Die völlige Beseitigung des Sabbats und seine Ersetzung mit dem Sonntag wäre wohl allen ein Greuel gewesen.

 

Die Kirche von Lyon vermittelte unter der Leitung des Irenäus bei dem quartodecimanische Passah-Disput (Butler: Lives of the Saints, S. 196 – 197; auch die Passover-Referate). Er verbreitete das frühe Christentum in großen Teilen Galliens und gab den Formen des Gnostizismus, die sich da etabliert hatten, den Todesstoß. Lyon war zur Zeit des Pothinus und des Irenä

us das Zentrum der gallischen Kirche und das Zentrum des Übergangs vom Sabbatismus zur Sonntagseinhaltung.

 

Der Bericht über die Verfolgungen in Lyon und Vienne erging in einem Brief an die Brüder in Smyrna. Dieser Brief wurde von Eusebios aufbewahrt (Hist. Eccl., V, I – iv). Vienne war von Lyon abhängig und wurde vielleicht von einem Diakon verwaltet (C.E., Art. Gaul, Christian, Band VI, S. 395).

 

Das Wachstum der Kirchen Galliens wurde in der Zeit zwischen 100 und 300 vermutlich von einer großen jüdischen Bevölkerung in der Gegend von Marseilles und Genua begünstigt (Gilbert: Atlas of Jewish History, Dorset Press, 1984, Karte 17). Diese Gemeinden hatten wiederum Kontakt zu den zahlreichen Juden in Ephesus und Smyrna. Die Bewegung von Marseilles aus die Rhone entlang bis nach Lyon, der Hauptstadt und dem Kommunikationszentrum des ganzen Landes, ist fraglos der jüdischen Teilnahme am Handel zu verdanken. Es waren wohl die Bedürfnisse dieser Gemeinschaften, die dazu führten, dass Pothinus und Irenäus von Polykarp in Smyrna nach Lyon geschickt wurden. Also wurde schon vor der 177 einsetzenden Verfolgung Mark Aurels eine Sabbatistenkirche in Lyon gegründet. Lyon war das Zentrum der Kirchen Galliens, als Irenäus Bischof wurde. Die Kirchen Galliens sandten einen Brief nach Rom, in dem sie über den quartodecimanische Disput berichteten (Eusebios: Hist. Eccl., V, xxiii) und die asiatischen Bischöfe in Bezug auf die Einführung des Osterfestes unterstützten.

 

Gregor von Tours (Historia Francorum, I, xxviii) behauptete, dass Rom im Jahre 250 sieben Bischöfe entsandt habe, um Kirchen in Gallien zu gründen. Gatianus sollte die Kirche von Tours gegründet haben, Trophimus die von Arles, Paulus die von Narbonne, Saturninus die von Toulouse, Denis die von Paris, Stremonius (Austremonius) die von Auvergne (Clermont) und Martialis die von Limoges (Lejay: C.E., Art. Gaul, ibd.). Nach Lejay wird diese Behauptung von ernsthaften Historikern in Frage gestellt. Hier wird wahrscheinlich eher auf das Eingreifen Roms in die Angelegenheiten des Landes hingewiesen. Ungeachtet der Motive für diese Legende und auch der wahren Tatsachen, berichtet Cyprian, dass bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts tatsächlich schon etliche Kirchen in Gallien bestanden. Sie litten wenig unter der großen Verfolgung. Es hat den Anschein, als wäre Constantius Chlorus, der Vater Konstantins, dem Christentum gegenüber nicht feindlich gesinnt gewesen. Es ist sicherlich dem Einfluss der Subordinationisten von Lyon zu verdanken, dass Konstantin sich weigerte, ein Athanasier (ein quasi-Trinitarier, später Katholik genannt) zu werden, und dass er vor seinem Tode als subordinationistischer Unitarier (oder sogenannter Eusebier oder Arianer) getauft wurde (C.E., ibd. Und auch diverse Artikel über Konstantin). Das Konzil von Arles lässt erkennen, dass zu dieser Zeit (ca. 314), als das Toleranzedikt in Mailand erlassen wurde, schon etliche Diözesen etabliert waren. Die Zahl der Signatare deutet auf die Zahl der Bischöfe hin, die damals noch existierten, und damit auch auf die Zahl der Bistümer: Vienne, Marseilles, Arles, Oranien, Vaison, Apt, Nizza, Lyon, Autun, Köln, Trier, Reims, Rouen, Bordeaux, Gabali und Eauze. Die Bistümer von Toulouse, Narbonne, Clermont, Bourges und Paris können auch hinzugezählt werden (C.E., ibd. S. 396).

 

Der Monastizismus fand keinen Eingang in die gallischen Kirchen, bis er von Martin (397), der Marmoutier in der Nähe von Tours gründete, und von Cassian (d.c. 435), der zwei Kirchen in Marseilles gründete (ca. 415), eingeführt wurde. Im Großen und Ganzen war das Christentum auf die Städte begrenzt und unter den gebildeteren und auch vielleicht mehr vom Judentum beeinflussten Kreisen verbreitet. Die Landbevölkerung bestand zum größten Teil aus Heiden, deren Weltbild von gallo-keltischem und römischem Aberglauben geprägt war. Die Bekehrung der Gothen, Wandalen, Sueven, Alanen, usw. zum Unitarianismus (fälschlicherweise Arianismus genannt) zu Beginn des vierten Jahrhunderts, bereitete den römisch-trinitarischen Ambitionen mit ihren Bestrebungen, den Sonntag zu heiligen, vorübergehend ein Ende. Die Bistümer Galliens fielen der Habgier der von Rom beeinflussten Aristokraten zum Opfer. Honoratus gründete ein Kloster auf der Insel Lérins (Lerinum). Von dort aus wurden die Bistümer übernommen und die sogenannten orthodoxen Graduierten in die verschiedenen Diözesen entsandt. Honoratus, Hilarius und Cæsarius wurden nach Arles gesandt, Eucherius nach Lyon und seine Söhne, Salonius und Veranius nach Genf und Venedig, Lupus nach Troyes, Maximus und Faustus nach Riez.

 

Lérins wurde auch eine Schule für Mystizismus und Theologie, und es verbreitete mit Hilfe von wertvollen Werken über Dogmatik, Polemik und Hagiographie seine religiösen Ideen (C.E., op. cit.).

 

Also führten die monastischen Schulen den Mystizismus in die schlichte Religion der frühen Kirchen Galliens ein. Dem Mystizismus wurde starker Widerstand geboten, und viele Priester waren verheiratet. Es war die Dynastie der Merowinger, die das römische System schließlich mit Gewalt einführte.

 

Bis 417, als Papst Zosimus den Bischof von Arles, Patrokles, zu seinem Vikar, bzw. seinem Gesandten in Gallien ernannte, waren alle Streitigkeiten an Mailand übergeben worden, wo der Kirchenrat die Sachen entschied oder schlichtete (C.E., S. 397). Hier erkennt man die Beziehung, die zwischen Mailand und den ausgebreiteten Gebieten der Sabbatarier oder Waldenser bestand. Die Kirchen Galliens diskutierten und stritten sich ständig über das Wesen Gottes. Sie waren auch stets subordinationistisch.

 

Die Kirche Galliens ging durch drei dogmatische Krisen. Ihre Bischöfe scheinen sich ganz auf den Arianismus konzentriert zu haben. In der Regel hielten sie sich an die Lehren Nicäas, obwohl es hin und wieder vorübergehende Abtrünnigkeit gab.

 

Das ist vielleicht eine Untertreibung. Die Sabbatarier waren schon seit der Zeit, als Pothinus und Irenäus über ein Jahrhundert vor der Verbreitung der Lehren des Arius die Kirchen gründeten, subordinationistische Unitarier. Der Sabbatismus hatte sich in Europa verbreitet. Hefele berichtet folgendes über das Konzil von Liftinæ in Belgien im Jahre 745:

 

Die dritte Rede dieses Konzils warnt gegen die Einhaltung des Sabbats und bezieht sich dabei auf das Dekret von Laodicea (Conciliengeshicte 3, 512, Abschnitt 362).

 

Die Sabbatheiligung wurde in Rom unter Gregor I (590 – 604) praktiziert. Gregor äußerte sich in einer Schrift gegen diesen Brauch (Ep. 1, Nicene and Post-Nicene Fathers (NPNF), zweite Serie, Band XIII, S. 13).

 

Gregor, Bischof durch Gottes Gnaden, an seine innig geliebten Söhne, die Bürger Roms: Es ist mir zu Ohren gekommen, dass gewisse Männer unter euch, die einem widernatürlichen Geiste dienen, verderbte Ideen verbreitet haben, die dem heiligen Glauben zuwider sind und es verbieten, dass man irgendetwas am Sabbat tue. Was sollen wir sie nennen, als Prediger des Antichristen (Epistles, B. 13:1)

 

Gregor äußerte sich gegen einen gewissen Teil der Stadt Rom, weil die Bürger dort den Sabbat einhielten. Er behauptete, dass der Antichrist, wenn er käme, den Samstag als Sabbat einhalten würde (ibd.).

 

Die Sabbatistenkirche in Asien

Die Kirchen in Kleinasien wurden als Paulizianer bezeichnet. Diese hatten sich dort über eine Zeitspanne von einigen Jahrhunderten entwickelt. C.A. Scott sagt folgendes über die Paulizianer:

 

[Sie waren] eine antikatholische Sekte, die im 7. Jahrhundert (möglicherweise früher) ihren Ursprung hatte und viele Schwankungen in der kaiserlichen Billigung erlebte, erbarmungslos verfolgt wurde, und doch bis ins 12. Jahrhundert ihren Einfluss geltend machte. Auch heute leben ihre Nachkommen noch in Osteuropa. Sie traten zuerst an den östlichen Grenzen des Kaiserreiches in Erscheinung, wo sie in Armenien, Mesopotamien und Nordsyrien beheimatet waren. Von dort aus verbreiteten sie sich, zum Teil durch Propaganda und zum Teil durch Abwanderung ihrer Anhänger, nach Westen über Kleinasien nach Osteuropa, wo sie im Balkan neue Zentren gründeten. Einige spezielle Vorstellungen, die man ihnen zugeschrieben hat, sind u.a. eine dualistische Sicht des Staates, wenn auch nicht des Ursprungs der Welt, eine adoptianistische Lehre über die Person Jesu, eine hartnäckige und leidenschaftliche Ablehnung des Marienkultes und jeglicher Anbetung von Heiligen und Heiligenbildern, eine ähnliche Ablehnung sakramentaler Symbolik und eine besondere Betonung der Erwachsenentaufe als der einzig Gültigen. Sie gründeten ihre Ideen ausschließlich auf die Heilige Schrift, die sie als alleinige und genügende Autorität anerkannten, nicht aber Traditionen oder die ‘Lehren der Kirche’ (ERE, Art. Paulicians, Band 9, S. 695).

 

Die Paulizianer vermehrten sich sehr unter Sergius Tychicus und wurden am häufigsten unter den robusten Bergbewohnern des Taurus angetroffen. Scott erklärt:

 

..… als Verteidiger des Kaiserreiches so wie als Opfer der kaiserlichen Verfolgung zeigten sie die größte Hartnäckigkeit und den größten Mut (ibd. S. 697)

 

Sie wurden von Constantinus Copronymus (741 – 775) beschützt und aufgefordert, sich in Thrakien anzusiedeln. Nicephorus (802 – 811) setzte sie zur Verteidigung des Reiches an dessen östlichen Grenzen ein. Michael und Leo V, dagegen, verfolgten sie erbarmungslos.

 

Aber die Paulizianer waren zu zahlreich, zu kriegerisch und zu gut organisiert, um sich mit Gewalt zur Orthodoxie zwingen zu lassen. Sie widersetzten sich, sie machten Aufruhr und schlugen zurück, indem sie von ihren Bergfestungen aus Kleinasien plünderten. Nach zwanzig Jahren verhältnismäßigen Friedens wurden sie die Opfer erneuter, erbitterter Verfolgung unter Theodora (842 – 857), einer Verfolgung, welche sich unter Basilius zu einem Krieg der Vernichtung und Ausrottung entwickelte (Krumbacher, S. 1075). Die Paulizianer wurden schließlich von den Umständen gezwungen, bei den Sarazenen um Hilfe anzuklopfen. Mit ihrer Hilfe hielten sie unter der Leitung des Chrysocheir den kaiserlichen Truppen nicht nur erfolgreich stand, sondern trieben sie auch zurück und plünderten Kleinasien bis zu seinen westlichen Ufern aus (Scott, ibd.).

 

Hieraus erkennt man zwei Eigenschaften der Paulizianer. Erstens wussten sie mit Waffen umzugehen, und zweitens wurden sie von den Muslimen als eine in sich geschlossene Gruppe gesehen, die mit den trinitarischen Christen nichts zu tun hatte. Deshalb halfen sie ihnen und gewährten ihnen Schutz. Dieser Schutz war nicht auf Kleinasien beschränkt, sondern wurde auch in Spanien gespendet. Die Unterscheidung der zwei Gruppen wurde sogar im Koran festgelegt.

 

So wird das, was Christus im Buch der Offenbarung über die Gemeinde in Pergamon sagt, verständlicher, wenn man es mit dieser Sekte identifiziert. Dort steht (Offenbarung 2:16): ‘Kehrt um! Sonst komme ich in Kürze über euch und werde gegen diese Leute [die der falschen Lehre folgen] mit dem Schwert aus meinem Munde Krieg führen.’

 

Scott schreibt, dass 970 eine zweite massive Deportation von Paulizianern von Armenien nach Thrakien stattfand. Sie wurde von Johann Tzimiskes veranlasst und durchgeführt (ibd.). Lateinische Kreuzfahrer fanden die Sekte im elften Jahrhundert in Syrien vor, und Lady Mary Montagu traf sie im achtzehnten Jahrhundert in der Nähe von Philippopolis an (Scott, op.cit.).

 

In Europa assimilierten sie das Gedankengut der Bogomilen oder vermischten sich mit ihnen (q.v.), und ihre Ansichten und Einflüsse wurden im gesamten Mittelalter von diversen antikatholischen Sekten verbreitet, z.B. den Katharern und den Albigensern, deren Verbundenheit mit den Paulizianern wahrscheinlich ist, obwohl schwer zu belegen. Ihr Name, wie ‘Manichäer’, wurde zu einer Art Gattungsbegriff für irgendeine dieser geistlichen Strömungen, die sich der Entwicklung der katholischen Hierarchie und Lehren widersetzte (Scott, ibd.).

 

Scott schreibt, dass es unmöglich sei, festzustellen, ob die Pope-licani, die Piphles von Flandern oder die Publicani, die 1160 in Oxford verdammt und gebrandmarkt wurden, direkte Nachkommen der Paulizianer waren, oder ob sie ihren Namen nur als Zeichen des Vorwurfs und des Protestes trugen. Scott meint, dass die Paulizianer am besten als ein Teil des ständigen Stromes antikatholischen und antihierarchischen Gedankengutes verstanden werden sollten, der fast durch die ganze Kirchengeschichte hindurch parallel zu den Strömungen der ‘orthodoxen’ Lehren und Organisationen lief (vgl. Krumbacher, S. 970: ‘Die Paulizianer setzten einer verweltlichten Reichsorthodoxie ein echt apostolisches Bibelchristentum entgegen.’).

 

F.C. Conybeare (The Key of Truth, Oxford, 1898) meint, sie seien Adoptianisten in ihrer Christologie gewesen. Sie hielten drei Sakramente, nämlich das der Beichte, das der Taufe und das des Leibes und Blutes Christi (siehe auch S. 124), erklärten die Säuglingstaufe für ungültig, leugneten die fortwährende Jungfräulichkeit Mariä, lehnten die Lehre des Fegefeuers und der Mittlerrolle der Heiligen ab und wandten sich gegen den Gebrauch von Bildern, Kreuzen und Weihrauch.

 

Also fand die Ausbreitung der Kirche von Kleinasien nach Europa über mehrere Jahrhunderte hin statt, und wie man aus dieser Darlegung ersehen kann, geschah sie durch mündliche Verkündung und durch Wanderung gewisser Völkergruppen. Verunglimpft wurden die Lehren dieser Gruppen von den Orthodoxen, die zum größten Teil die Geschichtsschreiber waren.

 

Die Osteuropäischen Sabbatarier

Es wird aus der Geschichte klar, dass die Arbeit der Sabbatistenkirchen in Europa noch keinen wirklichen Anfang nehmen konnte, bis die Arbeit der aus Smyrna stammenden Kirchen (die Smyrna-Epoche genannt) und der Kirchen der Paulizianer in Kleinasien (die Pergamos-Epoche genannt) abgeschlossen war. Ja, es ist auch klar, dass die Arbeit der gallischen Kirche in Smyrna ihren Anfang nahm und dass sie auch weiterhin bis nach dem Tode des Irenäus mit Smyrna in Verbindung blieb. Die Arbeit war jedoch unzusammenhängend und unkoordiniert, bis die Paulizianer nach Europa zogen.

 

Der sabbatistische christliche Glaube verbreitete sich mit den Paulizianern von Thrakien nach Albanien und Bulgarien. Im neunten Jahrhundert flammte der Streit um die Sabbateinhaltung in Bulgarien auf. Folgendes wird berichtet:

 

Die Bulgarier waren in der ersten Zeit ihrer Evangelisation gelehrt worden, dass am Sabbat keine Arbeit verrichtet werden durfte (Responsa Nicolai Papæ I und Con-Consulta Bulgarorum, Responsum 10, zitiert aus Mansi: Sacrorum Concilorum Nova et Amplissima Collectio, Band 15, S. 406; auch Hefele: Conciliengeshicte, Band 4, Abschnitt 478).

 

Bogaris, der damals herrschende Prinz  Bulgariens, schrieb wegen einer Reihe solcher Fragen bezüglich der Sabbatheiligung an Papst Nicholas I. In Antwort auf die Frage 6 bezüglich des Badens und der Arbeit am Sabbat, antwortete der Papst:

 

Frage 6 – Das Baden ist am Sabbat erlaubt. Frage 10 – Man sollte am Sonntag aufhören, zu arbeiten, nicht aber auch am Sabbat (Hefele, 4, 346 -352, Abschnitt 478).

 

Nicholas wurde von einer Gegensynode in Konstantinopel exkommuniziert. Photius, Patriarch von Konstantinopel, beschuldigte das Papsttum in folgender Weise:

 

Entgegen den Kirchenvorschriften überredeten sie die Bulgarier, am Sabbat zu fasten (Photius; Von Kard, Hergenrother, 1, 643).

 

Die Sabbatfrage wurde zum bitteren Sterit zwischen den Griechen und den lateinischen Christen. Neale äußerte sich hierzu in Bezug auf die Spaltung im Jahre 1064 (A History of the Holy Eastern Church, Band 1, S. 731).

 

Die Athinger (oder Athingani) des neunten Jahrhunderts standen Kardinal Hergenrother zufolge in einer engen Beziehung zum Kaiser Michael II (821 – 829), und er erklärt, dass sie den Sabbat eingehalten hätten (Kirchengeschichte I, 527). Die Athingani waren eine Sekte in Phrygien, die von Timotheus von Konstantinopel in seinem Reception of Heretics (siehe ERE, Art. Sects, Band XI, S. 319B) auch Melchisedekiten genannt wurden. Whitley sagt hier:

 

Sie hielten den Sabbat ein. Da sie niemanden berührten, wurden sie allgemein Athingani genannt. Wenn man das liest, bekommt man den Eindruck, als hätten sie die jüdischen Reinheitsgesetze befolgt, aber es gibt zu wenig Information, als dass man ihren Ursprung und ihre Glaubenssätze zurückverfolgen könnte (ibd.).

 

Nach der Niederlage des Chrysocheir, Anführer der Paulizianer im neunten Jahrhundert, und der Zerstörung Tephrikes, ihrer Festung, waren sie dezimiert und die, welche übrigblieben, wurden zerstreut. Fortan lebten sie in vereinzelten Gemeinden in Armenien, in Kleinasien und besonders im Balkan. In der Mitte des neunten Jahrhunderts erlebten sie unter Smbat in Armenien einen erneuten Aufschwung. Smbat könnte, Conybeare zufolge, der Autor des ‘Schlüssel der Wahrheit’ (Key of Truth; siehe ERE, Art. Paulicians, Band IX, S. 697) sein. Ihr Zentrum war die Stadt Thondrak, daher bekamen sie den Namen ‘Thondrakier’.

 

Einen anderen Zweig derselben Wurzel kann man wahrscheinlich in der Sekte, die als ‘Athingani’ bekannt war, entdecken. Theophanes erwähnt sie in seiner Chronographia ( 413). Auch die ‘Selikianer’ gehörten dazu. Seinem Biographen zufolge soll der Patriarch Methodius einen gewissen Selix und seine Anhänger, die manichäischen Auffassungen huldigten, zum Orthodoxismus bekehrt haben. Die Ansichten der Manichäer stimmten genau mit denen überein, die im Cod. Scor. (ibd.) den Paulizianern zur Last gelegt werden.

 

Dann kam die zweite Deportation unter Johann Tzimiskes (970).

 

Hieraus kann man erkennen, dass alle diese Sekten miteinander verwandt waren und von den Trinitariern für ihre ketzerischen Lehren angegriffen wurden. Sie wurden in verschiedene Sekten mit verschiedenen Namen aufgeteilt und nach Möglichkeit überall verfolgt. Die Paulizianer waren auch Bilderstürmer, und das ist mit dem vereinbar, was wir über die Sabbatisten und die Katharer Europas wissen.

 

Die Paulizianer missbilligten immer den Brauch ihrer Gegner, das Kreuz anzubeten (Armenisch: Chazus). Daher scheint die Bezeichnung Chazitzarii (Staurolatrœ) sich nicht auf eine kleine Sekte zu beziehen, sondern auf die anerkannte Kirche Armeniens aus der Sicht der Paulizianer (Whitley: ERE, Art. Sects, S. 319).

 

In seinem Artikel über die griechisch-orthodoxe Kirche (ERE, Band VI, S. 427) bemerkt Troitsky, dass die Athingani dem Judaismus verwandt waren. Sie werden zu den Paulizianern zugeordnet, obwohl sie nicht unbedingt als solche bezeichnet werden. Troitsky scheint zu anzunehmen, dass der Glaube der Paulizianer einen mystischen Charakter hatte. Wir wissen jedoch aus den bestehenden Schriften, dass das nicht stimmt. Zweifellos hielten die Paulizianer und die Athingani, oder die Sekten Kleinasiens, den Sabbat ein und beachteten die alttestamentlichen Speisegesetze. Diese Bräuche brachten sie dann mit nach Europa.

 

Die Bogomilen

Eine der ersten Gruppen, die in Europa unmittelbar aus den Paulizianern hervorgingen, scheinen die Bogomilen (siehe oben) gewesen zu sein, die unter den Slaven, besonders den Bulgaren vorkamen (Powicke: ERE, Band 1, S. 784).

 

Die Bezeichnung ‘Bogomil’ ist möglicherweise von den Worten Bog Milui (Gott erbarme dich) oder von dem Wort Bogumil (Geliebte Gottes) abgeleitet. Andererseits erklären zwei frühe bulgarische Manuskripte, die einander bestätigen, dass ein gewisser ‘Papst’ Bogomile der erste Vertreter dieser Häresie unter dem bulgarischen Tsaren Peter (927 – 968) war. Demnach mag der Name auch von prominenten Vertretern der Sekte im zehnten Jahrhundert abgeleitet sein.

 

Die Bogomilen werden auch von N.A. Weber (C.E., Art. Bogomils, Band II, S. 612) als eine neumachinäische Sekte beschrieben. Es wird festgestellt, dass die Sekte im späteren Mittelalter in Konstantinopel und in den Staaten des Balkan vorkam. Die Bogomilen glaubten, dass beide, Gott und Satan, Schöpfermacht besaßen, aber beide dem Willen Gottes unterworfen waren. Die Bogomilen meinten, Gott der Vater habe ein menschliches Aussehen, sei aber nicht körperlicher Art. Unter den Söhnen Gottes waren Satanel (oder Azazel), der zur Rechten Gottes saß, und Jesus oder Michael. Satan verfügte über schöpferische Kräfte, rebellierte aber gegen Gott. Zusammen mit den Engeln, die ihm folgten, wurde er aus dem Himmel verbannt. Satan schuf nach dieser Mythe einen zweiten Himmel und eine zweite Erde und formte den Menschen aus Erde und Wasser. Er konnte dem Menschen jedoch keinen lebenden Geist geben. Also schenkte Gott dem Menschen auf seinen Wunsch das Leben. Bei der Verführung Evas verlor Satan seine schöpferische Kraft, behielt aber noch die Herrschaft des Planeten. Gott sandte einen zweiten Sohn, Jesus, der durch Maria menschliche Gestalt annahm. Fortan wurde Satanel nach den Taten Jesu geurteilt. Er verlor seinen heiligen Namen, d.h. der Rang, den das ‘el’ mit sich brachte, wurde ihm genommen. Fortan hieß er nur noch ‘Satan’.

 

Diese Geschichte wurde von den sogenannten ‘Feinden’ der Bogomilen, den Orthodoxen, aufgezeichnet und ist deshalb etwas verzerrt gegenüber der biblischen Struktur, die sie erklären soll. Ein Studium der Bibel kann jedoch einen Zusammenhang zwischen den Texten ergeben. Wenn das, was unten nach Powicke dargelegt ist, wahr ist, stimmen die Vorstellungen, zwar etwas verzerrt, mehr mit dem überein, was wir heute über die Kosmologie des ersten Jahrhunderts wissen.

 

Nach der Vorstellung der Bogomilen ist Gott der Vater das einzige Wesen, das im Himmel noch lebt. Beide, Christus und Satan, sind in ihm aufgenommen worden. So ist Gott alles in allem geworden. Diese Vorstellung wird vielleicht von den Orthodoxen auf simplistische Art widerlegt, weil sie nicht mit der Lehre der Seele übereinstimmt.

 

Die Behauptung Webers, dass die Bogomilen das Alte Testament, mit Ausnahme des Psalters und der prophetischen Bücher, ablehnten, stammt wohl von Euthymius (PG, Band cxxx; siehe auch Powicke, op. cit.), der 52 Glaubensgrundsätze aufzählt. Die wichtigsten werden wie folgt von Powicke aufgezählt und zusammengefasst:

 

Die Ablehnung der mosaischen Bücher

 

Die Geschichte Christi ist symbolisch für ein höheres Wissen.

 

Sie lehrten eine sabellische Vorstellung von der Gottheit, bei der alle drei Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes im Vater zusammengefasst waren. Zum Schluss, wenn alle drei Geister ihr Werk vollendet haben, fließen sie in den Vater zurück. (Die Vorstellung, dass alles in den Vater strömt, bezieht sich, nicht nur auf die Dreieinigkeit, sondern wird von Euthymius auch von dem Begriff der Einheit der himmlischen Heerscharen her verstanden.)

 

Die satanische Schöpfung erweiterte sich bis zu dem Gesetz, das die Sünde zeugte. Gott schritt in die Welt ein und sandte den Erzengel Michael als Logos, der Jesus Christus wurde.

 

Der Heilige Geist war nur in den Auserwählten gegenwärtig. Die Auserwählten wurden den Bogomilen gleichgestellt.

 

Die Auserwählten können nicht sterben.

 

Die Tempel der Kirche waren Tempel von Teufeln, die aus Zweckmäßigkeit die Gottesdienste dort erlaubten.

 

Sie sollen geglaubt haben, dass Johannes der Täufer ein Diener des jüdischen Gottes Satanel sei.

 

Die Behauptung, dass die Sekte die Wassertaufe ablehnte und nur die geistliche Taufe (mit Handauflegung) anerkannte, entspringt vielleicht dem Eindringen der Sekte in die monastischen Orden. Die Sekte leugnete die Lehre von der Transsubstantiation. Weber behauptete, dass die Sekte die Ehe ablehnte und das Essen von Fleisch verbot. Die Bogomilen bestanden mehrere Jahrhunderte lang als Klosterorden. Da ihre Schriften verbrannt wurden, kommt alles, was wir über sie wissen, wohl von Euthymius Zigabenus (nach 1118 gestorben). In Kapitel xxvii der Panoplia Dogmatike widerlegt er 24 ihrer als ketzerisch verschrieenen Lehren (unter 52 Überschriften; vgl. Powicke).

 

Weber meint, dass die Bogomilen sich aus den Euchiten (wahrscheinlich aus der dualistischen Art ihrer Lehren) entwickelt hätten. Sie wurden auch Messalianer genannt, die für ihre Askese bekannt waren. Diese Anomalie, von der nicht bekannt ist, wann sie entstanden ist, scheint sie klar von anderen Gruppen zu unterscheiden. Sie traten im zwölften Jahrhundert in den Vordergrund. Sie wurden zuerst um 1115 in Philippopolis (europäische Türkei) mit Namen erwähnt. (Beachten Sie die schon erwähnte ständige Besiedlung durch die Paulizianer.) Ihr Anführer, Basilius, ein Mönch und Arzt, der sich zwölf Apostel erwählt hatte, wurde 1111 von Alexius I überlistet, gefangengenommen und eingekerkert. Comnenus (1081 – 1118) verlangte die Widerrufung der Irrlehren. Einige der Gefangenen widerriefen und einige starben in Gefangenschaft (Weber, ibd.). Basilius wurde 1118 zum Tode verurteilt und 1119 verbrannt (Powicke). Im Jahre 1140 verordnete eine Synode von Konstantinopel die Zerstörung der Schriften der Messalianer. Um 1143 wurden zwei Bischöfe von Kappadozien abgesetzt, weil sie die Lehrsätze der Messalianer annahmen. Auch die Synoden von Konstantinopel in den Jahren 1316 und 1325 verdammten die Sekte. Dennoch hielten sich die Bogomilen bis zu der Eroberung des Balkans durch die Türken im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert (Weber, ibd.). Powicke zufolge (op. cit., S. 785) ist ihr Einfluss in den kleineren Gemeinden, in welche sie sich mit der Zeit verbreiteten, noch in viel späteren Zeiten sichtbar. Es scheint, als hätten die Lehren der Paulizianer nicht nur in den Gegenden existiert, in denen sie sich angesiedelt hatten, auch nicht nur unter den Slaven, die sie umgaben. Die Lehren wurden auch von manchen Klosterorden angenommen, wo sie von den Mönchen etwas verzerrt wurden, aber dennoch deutlich antikatholisch blieben. Die Lehren der Bogomilen, so wie sie dargestellt werden, unterschieden sich von denen der anderen Sekten, die von den Paulizianern abstammten, und auch von denen der Paulizianer selbst.

 

Es ist deshalb unwahr, zu behaupten, dass die Sekten, die allgemein unter den Klosterorden vorkamen, und die Bogomilen genannt wurden, tatsächlich die umfassende Gruppe dieses Namens waren, die sich unter den Slaven und in ganz Europa verbreitet hatte. Man kann eine etwaige Vorstellung von ihren Lehren bekommen, wenn man einen Vergleich zwischen den Paulizianern und den von ihnen beeinflussten europäischen Sekten anstellt.

 

Die Subordinationisten, bzw. die antitrinitarischen Sekten, waren über ganz Europa verbreitet. Die Sekten waren unter diversen Namen bekannt.

 

Die Waldenser

Lentolo war der frühste Geschichtsschreiber, der sich mit den Waldensern befasste, und er gilt heute als die größte Autorität auf dem Gebiet der Verfolgungen seiner Zeit. Sein Werk war jedoch so gut wie unbekannt, bis Comba 1897 auf ein Exemplar in der Berner Bibliothek aufmerksam machte (W.F. Adeney: Art. Waldenses, ERE, Band 12, S. 669).

 

Also muss das Werk Mustons, L’Israel des Alpes (Paris, 1851, oder englische Übersetzung und Neudruck: Israel of the Alps, NY, 1978), in Beziehung zu diesem maßgebenden Werk betrachtet werden. Die römisch-katholische Kirche behauptet, dass die Waldenser lediglich Anhänger des Petrus Waldes von Lyon gewesen seien. Die französiche Form des Namens ist Valdes, die lateinische Valdesius, Valdenius oder Gualdensis, und die italienische Waldes. Den Berichten zufolge soll Petrus Waldes sich im Jahre 1173 bekehrt haben. Die Waldenser selber leugnen diese Behauptung und meinen, sie sei nur aufgestellt worden, um sie effektiv als Protestanten darzustellen. Sie glauben im Gegenteil ihre Vorfahren zu den ersten Christen zurückverfolgen zu können.

 

Die frühste schriftliche Aufzeichnung dieses Anspruchs finden wir 1316 bei einem dominikanischen Mönch in Passau (Contra Valdense in Maxima Bibliotheca veterum Patrum, Lyon, 1677 – 1707, xxv, 262 ff.). Er schreibt, dass die Waldenser behauptet hätten, schon zur Zeit der Väter (duravit a tempore patrum) bestanden zu haben. Das nächste Mal wird dieser Anspruch 1530 in einem Brief des Barbe Morel an Oecolampadius aufgestellt (A. Scultetus: Annalium Evangeli .... decades duo, Genf, 1618, S. 295, 306). Der Text wurde von Robert Olivetan bearbeitet und 1535 als Vorwort zu seiner Bibelübersetzung herausgegeben. So ehrten die Protestanten die Waldenser als die eine Kirche, die den Glauben des Neuen Testaments rein bewahrt hatte. Sie nannten ihre Geistlichen Barbe oder Onkel. Dabei beriefen sie sich auf die Bibelstelle in Matthäus 23:9 – 10, wo es verboten wird, irgendjemanden Vater, Lehrer oder Meister zu nennen. Der Titel Vater war ein Rang des Mithras-Systems und war den Christen verboten (siehe z.B. C.K. Barrett: The New Testament Background: Selected Documents, rev. ed., SPCK, London, 1987, S. 133).

 

Man weiß nicht, wie die Sekte unverändert in die alpinen Täler kam. Deshalb musste eine zweite Theorie entwickelt werden, die die Existenz dieser Sekte hier erklären konnte. Nach einer solchen Theorie entstand sie in Rom zur Zeit des Bischofs Sylvester. Sylvester soll, nachdem er Konstantin getauft hatte, die Kirche unter die Macht des Kaisers gestellt haben. Daraufhin soll ein Bischof aus der Kirche ausgetreten und ins Vaudois-Tal ausgewandert sein. Dort soll er die Sekte der Waldenser gegründet haben. Allerdings wissen wir, dass das nicht stimmt, denn Konstantin wurde von Eusebios von Nikodemia als Unitarier (fälschlicherweise als Eusebier oder Arianer bezeichnet) getauft. Es ist jedoch möglich, dass die arianischen Gothen, die schon seit ca. 351 eine gothische Bibel besaßen, die Bewohner dieser Gegend beeinflusst haben könnten. Aber in Wirklichkeit hatte die Sekte ihren Ursprung der Kirche von Lyon unter Irenäus und seinen Nachfolgern zu verdanken, wie schon früher auseinandergesetzt wurde. Die Anfänge dieser Einflüsse sieht man schon im achten Jahrhundert zur Zeit Claudes, des Bischofs von Turin unter den Kaisern Karl dem Großen und Ludwig dem Frommem. Claude führte die augustinische Lehre der Prädestination wieder ein, ignorierte aber seine Ideen über den hohen Stand der Kirche,

 

nach welchem die Kirche als Mittler zwischen Gott und Mensch eingesetzt wurde, der Anspruch des Papstes aber abgelehnt und die Behauptung, St. Petrus habe die Macht erhalten, zu binden und zu lösen, geleugnet wurde. Er ließ Kreuze und Bildnisse aus seinen Kirchen entfernen und deutete so schon auf die Reformation hin (Adeney, ibd.).

 

Es wird angenommen, dass die Kirchen des Vaudois-Tales in Claudes Diözese mit eingeschlossen waren. Daraus schlossen Leger, Muston und andere Waldenser, dass sie, wenn sie ihre Ursprünge schon nicht auf die Zeiten der Apostel zurückführen könnten, sich doch immerhin auf Claude berufen könnten. Aber es gibt keinerlei Beweise für ihre Existenz als größere Kirche, auch nicht Jahrhunderte nach Claude. Adeney zufolge (S. 665) fußt die Behauptung Mustons (ibd., Paris, S. xxxii, n. 2), dass Urban II im Jahre 1096 das Vaudois-Tal als von Ketzerei durchzogen beschrieben habe, auf einem Irrtum, da diese Menschen in keiner der päpstlichen Bullen erwähnt werden (vgl. Comba, S. 154). Forschungen ergeben jedoch, dass die Ausbreitung der Lehren von den Athanasiern untertrieben wird. Eine Tatsache ist, dass eine unitarische Kirche schon jahrhundertelang dort bestanden hatte.

 

Adeney zufolge erkannten sie weder den Ablass, noch das Fegefeuer, noch die Totenmesse an und leugneten die Wirksamkeit der Sakramente, die von unwürdigen Priestern gespendet wurden (S. 666). Er gibt jedoch zu, dass die vollständigen Lehren der Waldenser noch nicht klar ermittelt sind. Die buchstäbliche Deutung der Lehren Christi, wie sie in den Evangelien geschrieben stehen, und ihre genaue Anwendung war ihr Hauptthema, und auch das wichtigste Anliegen des Petrus Waldes, des Mannes, dem, Adeney zufolge, die Waldenser ihren Namen zu verdanken hatten. Waldes starb 1217 in Böhmen. Nach Adeney wuchs die Kirche der Waldenser aus einer Verschmelzung der Lehren des Waldes und der Bettelmönche von Lyon mit den Bewegungen des Arnold von Brescia, des Petrus von Bruys und des ‘Heinrich von Cluny’ (ibd.). Waldes fügte also sein System denen der schon im Vaudois und anderswo existierenden Gruppen hinzu und gab ihnen so eine neue Dynamik. Die Bewegung des Petrus von Bruys (die Petrobrusianer genannt) wird nur in einer Abhandlung beschrieben, die Peter der Ehrwürdige gegen sie schrieb, als auch in einer Schrift von Abelard. Die information ist also nicht ganz zuverlässig. Petrus begann etwa 1117 - 1120 seine Predigten in den Diözesen von Embrun, Die und Gap. Er war ein Bilderstürmer, der Kreuze verbrannte. Er wurde etwa zwanzig Jahre später in St. Gilles in der Nähe von Nimes als Ketzer verbrannt. Er gewann in Narbonne, Toulouse und Gascogne Anhänger. Der cluniazensische Mönch, Heinrich von Lausanne, soll die petrobrusianische Lehre um 1135, nachdem Petrus von Bruys als Märtyrer hingerichtet worden war, übernommen und verändert haben. Die Lehre verkündete unter anderem die Erwachsenentaufe und eine ungleiche Bedeutung der neutestamentlichen Schriften, d.h. die Unterordnung der Epistel unter die Evangelien und die Verwerfung des Alten Testamentes. Es ist allerdings schwierig, ein absoluter Bilderstürmer zu sein, und trotzdem das Alte Testament zu verwerfen. Beide Testamente spielen also in dem Gedankengut der Bilderstürmer eine Rolle.

 

Sie sollen auch die Messe und die Eucharistie abgelehnt haben, weil sie das Opfer nicht für wiederholbar hielten. Sie meinten auch, dass der Kern der Kirche die Gemeinde sei, nicht die Kirchengebäude. Deshalb wollten sie die Kirchen zerstören. Allerdings stammen diese Behauptungen über die Sekte von ihren Gegnern. Die Aufzeichnungen im Catholic Encyclopedia stammen von N.A. Weber (Art. Petrobrusians, Band II, S. 781), dem Verfasser des Artikels Waldensians. Die Ideen, die in dieser Gegend vorkamen, sollen gewissermaßen in der Luft gelegen haben. ERE (Art. Paulicians und Waldenses) bemerkt jedoch, dass es allgemein eine Verbreitung von Gedankengut vom Osten aus durch Europa gab. Wir haben gesehen, dass die Paulizianer, die nach Thrakien umsiedelten, in besonderer Weise zu dieser Verbreitung beitrugen. Die abtrünnigen Kirchen suchten zweifellos die Verbindung zu Sympathisanten im Westen.

 

Die waldensichen Sabbatarier

Die Waldenser sollen sich den Namen Insabathas oder Insabbatati zugezogen haben, weil sie keinen Ruhetag einhielten, außer dem Sabbat. Der Name Insabathas bedeutete gerade, dass sie den Sabbat nicht heiligten, und sie wurden deshalb so genannt, weil sie den Sonntag nicht einhielten (Luther’s Fore-runners, S. 7 – 8; falsch angeführt; siehe auch Gui: Manuel d’ Inquisiteur). Die Waldenser bekamen ihren Namen nicht von Petrus Waldes. Das Gegenteil ist eher wahr. Katholische Historiker wollen den Eindruck erwecken, dass die Waldenser später erschienen seien. Sie wollen damit beweisen, dass die katholische Kirche die apostolische Autorität besitzt, während alle anderen Kirchen nur Ausläufer sind.

 

Diese Propaganda wurde von manchen protestantische Kirchen aufgrund der frühen Geschichte der subordinationistischen und sabbatistischen Waldenser geglaubt. Peter Allix sagt hierzu:

 

Es ist nicht wahr, dass Waldes den Bewohnern der Täler seinen Namen gab: Sie wurden schon vor seiner Zeit Waldenser oder Vaudes genannt, und zwar nach den Tälern, in denen sie wohnten (Ancient Church of Piemont, Oxford, 1821, S. 182).

 

Allix fährt fort:

 

Einige Protestanten fielen bei dieser Gelegenheit in die Falle, die ihnen gestellt worden war …. Es ist absolut falsch, zu behaupten, dass diese Kirchen jemals von Petrus Waldes gegründet worden seien …. Es ist reine Fälschung (ibd., S. 192).

 

William Jones erklärt in History of the Christian Church, Band 2, S. 2, dass er

 

Valdus oder Waldes hieß, weil er seine religiösen Ideen von den Bewohnern der Täler bekam.

 

Wenn man die Fakten in den Schriften der katholischen Apologeten, wie N.A. Weber, untersucht, findet man keine Beweise, außer der Tatsache, dass zwei der Barbe (Onkel oder Älteste) der Waldenser Vallenses genannt wurden, und zwar erstens von Raymond von Daventry in seiner aburteilenden Schrift des Jahres 1179, und zweitens von Bernard von Fontcaude, der den Namen im Titel seiner Schrift des Jahres 1180 benutzt (Adversus Vallenses et Arianos). Adeney erwähnt das in seinem Werk, aber Weber nicht. Es wird behauptet, dass der Begriff Vallenses um diese Zeit von Waldes abgeleitet wurde. Das ist aber in keinster Weise bewiesen, da der Name sich auf die Täler bezieht, nicht auf Waldes. Deshalb kann die Behauptung, die von Weber und scheinbar auch von Adeney aufgestellt wird, als Mutmaßung abgetan werden.

 

Nach dem, was wir uns über die Bewegungen der Sektierer zusammenreimen können, will es scheinen, als sei die Umorganisation in Mailand auf die Zuwanderung der Sabbatarier aus Österreich und dem Nordosten zurückzuführen. Also schwächt die Tatsache, dass in Mailand eine Hochschule mit starken Verbindungen zu Österreich gegründet wurde, das Argument, dass Waldes die Schule gegründet haben könnte. Blair sagt in seinem Werk, History of the Waldenses (Band 1, S. 220):

 

Unter den Dokumenten haben wir eine Erklärung der zehn Gebote von denselben Menschen. Diese Erklärung stammt, Boyer zufolge, aus dem Jahre 1120. Sie empfiehlt dringend die Heiligung des Sabbats durch Ruhen von aller weltlichen Arbeit.

 

Also waren die Waldenser schon lange bevor Waldes erschien, sabbatistische, subordinationistische Unitarier. Dugger und Dodd (A History of the True Religion, 3rd. ed., Jerusalem, 1972, S. 224 ff.) sagen dazu:

 

Benedikt sagt in seiner Geschichte der Baptisten folgendes über die Waldenser: ‘Wir haben schon erwähnt, dass, dem papistischen Erzbischof Claudius Seyessel zufolge, ein gewisser Leo dessen beschuldigt wurde, dass er in den Tagen Konstantins des Großen der Urheber der waldensischen Ketzerei in den Tälern gewesen sei. Als jene harten Maßnahmen vom Kaiser Honorius gegen die Wiedertäufer (Anabaptisten) getroffen wurden, verließen sie Überfluss und Macht und zogen sich aufs Land zurück, und in die Täler Piedmonts (Italien), welche in besonderer Weise ihre Zuflucht gegen die kaiserliche Unterdrückung wurde.’

 

Rainer Sacho, ein römisch-katholischer Autor, sagt folgendes über die Waldenser: ‘Es gibt keine Sekte, die so gefährlich ist, wie die Leonisten, und zwar aus drei Gründen: Erstens ist sie die älteste Sekte; einige sagen, sie sei so alt wie Sylvester, andere sagen, sie sei so alt wie die Apostel selber. Zweitens ist sie sehr weit verbreitet. Es gibt kein Land, in dem sie noch nicht Fuß gefasst hat. Drittens, wo andere Sekten profan und gotteslästerlich sind, geben diese stets den Eindruck äußerster Frömmigkeit. Sie leben gerecht vor den Menschen und glauben über Gott nichts als Gutes.’

 

Sacho gibt zu, dass sie schon mindestens fünfhundert Jahre vor Waldes bestanden hätten. Ihr Alter wird auch von Gretzer anerkannt. Dieser war Jesuit und äußerte sich in seinen Schriften gegen sie. Crantz schreibt in seinem Werk History of the United Brethren die folgenden Worte über die Christen dieser Art:

 

‘Diese alten Christen verfolgen ihren Ursprung zurück ins frühe vierte Jahrhundert, als ein gewisser Leo unter Konstantin dem Großen sich in seiner Religion den Neuerungen Sylvesters, des Bischofs von Rom, widersetzte …….’

 

Nach Allix:

 

Die Reformatoren meinten, dass die waldensische Kirche um etwa 120 n. Chr. entstanden sei. Danach hätten sie die Lehren, die sie von den Aposteln empfangen hätten, von Generation zu Generation weitergereicht. Die lateinische Bibel, die Itala, wurde nicht später als 157 n. Chr. aus dem Griechischen übersetzt. Wir verdanken Beza, dem bekannten Mitarbeiter Calvins, die Aussage, dass die italische Kirche auf das Jahr 120 n. Chr. zurückgeht (Allix: Churches of Piemont, 1690, S. 177; und Wilkinson: Our Authorised Bible Vindicated, S. 35; und Scriveners Introduction, Band II, S. 43; vgl. auch Dugger und Dodd: A History of the True Religion, S. 224 – 225).

 

Die Gründung im Jahre 120 stimmt mit der Sendung der Jünger des Polykarp aus Smyrna und Ephesos überein. Wir haben uns schon mit der Verfolgung der Kirche zu Lyon um 177 unter Mark Aurel befasst, und auch mit dem Martyrium des Photinus, eines Jüngers des Polykarp, und dem Fluss der Information zurück nach Smyrna. Die Kirchen in Gallien standen Jahrhundertelang, bis zum Eingreifen des Papstes, unter der Herrschaft des Kirchenrates in Mailand.

 

Dugger und Dodd bemerken auch (S. 226):

 

Atto, Bischof von Vireulli, hatte sich schon vor achtzig Jahren über solche Leute beschwert [vor dem Jahre 1026 n.Chr.], und andere hatten es auch vor ihm getan, und es bestehen die besten Gründe, anzunehmen, dass sie schon immer in Italien bestanden hatten (vgl. Jones: Church History, S. 218).

 

Also ist die Gründung einer waldensischen Schule in Mailand eine natürliche Erweiterung dieser Glaubensrichtung. Dugger und Dodd zitieren ferner aus Mosheim:

 

In der Lombardei, welche der Hauptsitz der italienischen Ketzer war, entsprang eine einmalige Sekte, die aus mir unbekannten Gründen unter dem Namen Passaginier bekannt waren …… Wie die anderen Sekten, die schon erwähnt wurden, hatten sie eine sehr starke Abneigung gegen die Disziplin und Herrschaft der Kirche Roms; aber sie unterschieden sich auch durch zwei religiöse Lehrsätze, welche ihnen eigen waren.

 

Der erste beinhaltete den Glauben, dass alle Gesetze Moses, außer dem Darbringen von Opfern, für Christen verbindlich seien. Daraus ergab sich, dass sie …… allem Fleisch entsagten, das unter dem Gesetz Moses verboten war, und dass sie den jüdischen Sabbath feierten. Der zweite Lehrsatz, durch den sich diese Sekte unterschied, erklärte einen Widerstand gegen die Lehre der drei Personen in der Natur des Heiligen Gottes (Eccl. Hist., Cent 12, Teil 2, Kapitel 5, Sec. 14, S. 127; zitiert nach Dugger und Dodd; Betonung beibehalten).

 

Dugger und Dodd schreiben weiter:

 

Dass die Katharer den alten Sabbat beibehielten und einhielten, wird von ihren römischen Gegnern bestätigt. Dr. Allix zitiert einen römisch-katholischen Autoren des zwölften Jahrhunderts in Bezug auf drei Arten der Ketzerei – die Katharer, die Passiginier und die Arnoldisten. Allix sagt folgendes über diesen römischen Verfasser:

 

Einer ihrer Grundsätze ist auch, dass das Gesetz Moses nach dem Buchstaben gehalten werden müsse, und dass die Einhaltung des Sabbats und andere Gesetze erfüllt werden sollten. Sie glauben auch, dass Christus, der Sohn Gottes, dem Vater nicht gleich sei, und dass der Vater, Sohn und Heilige Geist, diese drei ….. nicht ein Gott und eine Substanz seien; und zusätzlich zu diesen Irrlehren, verurteilen sie alle Doktoren der Kirche und allgemein die ganze römische Kirche …. (Eccl. Hist. of the Ancient Churches of Piemont, S. 168 -169; vgl. Dugger und Dodd, S. 227 – 228).

 

Hier sieht man, dass die Katharer, die Waldenser und die Passiginier Abzweigungen derselben Gruppe waren. Es konnte zwischen ihnen differenziert werden, da sie keine hierarchische Kirche waren. Sie organisierten sich nach alttestamentlichen Grundsätzen, und das ist ein Grund, weshalb sie nie vollkommen ausgerottet wurden. Ein sehr wichtiger Aspekt ihres Glaubens war, dass sie Subordinationisten und entschieden auch Unitarier waren. Also waren die ursprünglichen Kirchen Europas weder ditheistisch/binitarisch noch trinitarisch, sondern unitarisch.

 

Dugger und Dodd (S. 228 – 229) bemerken auch, dass sie noch einen zusätzlichen Namen hatten, nämlich Paterinen. In Liman, wo dieser Name zuerst gebraucht wurde, bedeutete er vermutlich ‘gewöhnlich’ oder ‘vulgär, ordinär’ und wurde für die Menschen der niederen Gesellschaftsschichten gebraucht, Menschen, die ihr Einkommen aus körperlicher Arbeit bezogen. Dugger und Dodd meinen, Gazari sei eine Korrumpierung von Kathari, oder Puritaner. Es gibt jedoch auch eine andere Deutung. Dugger und Dodd ziehen nicht die Frage des Einflusses der Khazari in Betracht. Diese Frage wird unten erläutert.

 

Es besteht kein Zweifel, dass die Waldenser zur Zeit des Konzils von Lateran und gerade vorher um 1179 eine subordinationistische Sekte waren, was nicht einmal von Weber erwähnt wird. Ihre zwei Barbes, Olivier und Sicard, hatten zwischen 1175 und 1176 einen Disput mit dem Bischof Montperoux, und zwei oder drei Jahre später schickte Papst Alexander III den Kardinal von St. Chrysogone, Heinrich von Citeaux, und Reginald, den Bischof von Bath, der gerade in Begleitung des Mönches Walter Mapes und des Priesters Raymond von Daventry zu dem Konzil von Lateran unterwegs war, nach Toulouse, um diesen Disput zu untersuchen. Zwei Barbes der Waldenser, Bernard von Raymond und Raymond von Baimiac, kamen mit sicherem Geleit dorthin, um von Johann von Bellesmains, dem Bischof von Poitiers, verhört zu werden. Dann reisten sie weiter nach Narbonne, um von Bernard von Fontcaude, unter der Aufsicht des englischen Priesters Raymond von Daventry, verhört zu werden. Es war dieser Priester, Raymond von Daventry, der zum erstenmal den Namen Vallenses (Waldenser) benutzte. Also wurden sie von ihren Inquisitoren nach einem ihrer Führer genannt. Die zwei Barbes wurden 1179 von Raymond von Daventry als Ketzer verurteilt. Raymond reiste dann weiter nach Lateran zum Konzil. Es ist seit Jahrhunderten gebräuchlich gewesen, Sekten nach ihren Leitern zu nennen. Leider erzeugt das leicht falsche Eindrücke in Bezug auf die Gedankengänge und die Gruppierungen, die sie vertreten.

 

Im Jahre 1180 schrieb Bernard von Fontcaude das Buch mit dem Titel Adversus Vallenses et Arianos (siehe Gay: Hist. des Vaudois, S. 16, n.1, und auch Adeney, ibd. S. 667). Adeney sagt:

 

Es scheint, als sei diese Diskussion aus der Vereinigung der Petrobusianer und der Henrikianer (Henricians) mit den Bettelmönchen von Lyon in der Provence hervorgegangen. Um etwa die gleiche Zeit verbanden sich Waldes’ Anhänger mit den Arnoldisten in der Lombardei. So wurden die Waldenser Italiens und Frankreichs vereint, und dieser Bund wurde durch Verfolgung gefestigt. Eine Exkommunikation bei dem Konzil von Verona trieb die letzten Anhänger Waldes’ aus Lyon und veranlasste sie, in die Provence, nach Dauphine und in die Täler von Piemont in der Lombardei und sogar nach Deutschland zu flüchten. Sie waren so zahlreich geworden, dass Innozenz III seine besten Legaten in den Jahren 1198, 1201 und 1203 sandte, um sie zu unterdrücken.

 

Es besteht jedoch kein Zweifel, dass wir es hier mit einer subordinationistischen, unitarischen Lehre zu tun haben, welche als Arianismus klassifiziert wurde. In der Unterdrückung von 1203 gehörten ein spanischer Bischof und Dominikus (der spätere Heilige und Gründer des Dominikanerordens) zu den Legaten, die mit den Benediktinern an der Inquisition teilnahmen. Sie führten eine Reihe von Disputen , die bis 1207 dauerten, als der Legat Peter von Chateauxneuf umgebracht wurde. Zwei Jahre später erklärte der Papst den Krieg. Adeney erwähnt nur einen Krieg, aber es waren in Wirklichkeit die Albigenserkriege, die sich auch gegen die Waldenser wendeten. Im Jahre 1210 befahl der Kaiser Otto dem Erzbischof von Turin, die Waldenser aus seiner Diözese auszutreiben, und 1220 verboten die Statuten von Pignerole allen Bürgern, sie zu beherbergen. Einige flohen nach Picardy, doch Philipp Augustus trieb sie weiter nach Flandern. Einige kamen nach Mayence und Bingen, wo 50 im Jahre 1232 verbrannt wurden (Adeney, ibd.).

 

Sie wurden schon früh in Spanien gesehen, von der Kirche verdammt und von drei Königen bedrängt (Adeney, ibd.).

 

Diese Epoche umfasst die Inquisition und die Albigenserkriege, welche bis nach Spanien hineinreichten (siehe unten). Diese Menschen waren eine Zusammenwürfelung von diversen christlichen Gruppen. Mindestens ein Teil dieser Gruppen schienen nicht nur den Sabbat einzuhalten, sondern wurden auch dafür verfolgt, dass sie die biblischen heiligen Tage feierten. Das muss aus den Edikten, die sich auf sie beziehen, abgeleitet werden, da von ihnen selber nur Geständnisse erhalten geblieben sind, die sie unter Folterung ablegten. Deshalb sind die Berichte nicht immer zuverlässig. Es gibt jedoch klare Zeugnisse von einigen Kirchen, z.B. in Ungarn. Es ist wichtig, zu bedenken, dass die obengenannten Kriege die Albigenserkriege waren, welche bis 1244 dauerten und von den grausamsten Verfolgungen und Unterdrückungen gekennzeichnet waren. Die Machthaber hetzten die Bevölkerung zu extremem Hass gegen die sogenannten Ketzer oder Häretiker auf und ließen sie der Inquisition ausliefern (siehe C.Roth: Spanish Inquisition, S. 35 – 36 für alle Kommentare). Die weite Verbreitung der Waldenser während dieser Epoche deutet darauf hin, dass wir es mit allen Gruppen zu tun haben, auch den Albigensern. Die Waldenser verstanden die Bibel wörtlich und waren Subordinationisten, die fälschlicherweise als Arianer bezeichnet wurden.

 

Die Nicht-Trinitarier Spaniens wurden wegen ihrer Bräuche mit den Juden identifiziert, obwohl die Christen in der späteren Zeit der Inquisition, nach dem Edikt des Andres de Palacio um 1519, ganz zerstreut wurden oder ganz in den Untergrund gingen (das Edikt bei Roth, S. 77). Woanders in Italien wurden die Waldenser nach der Reformation scheinbar Trinitarier. Die spätere Geschichte, die von Protestanten geschrieben wurde, und etwas selbstrechtfertigend wirkt, scheint die frühere Tradition des Biblizismus zu leugnen.

 

Um 1237 sandte Papst Gregor IX eine Bulle an den Bischof von Tarragona, welche zur Folge hatte, dass fünfzehn der Ketzer verbrannt wurden. König Ferdinand warf selbst Holz auf das Feuer. Im Laufe der Zeit wurden diese spanischen Waldenser ausgerottet (Adeney, ibd.).

 

Die Waldenser waren auch in Deutschland weit verbreitet. Von dort aus sandten sie Kandidaten zum Theologiestudium an die waldensische Hochschule in Mailand. Der Leiter der Schule war Johann von Ronco, der trotz Waldes’ Missbilligung auf Lebenszeit angestellt wurde.

 

Diese Meinungsverschiedenheit verursachte die Spaltung zwischen der französischen Gruppe einerseits und den italienischen und deutschen Gruppen andererseits. Die Lombarden stellten ihren eigenen ‘obersten Pastor’ (Proepositus) an. Er und alle Pastoren wurden auf Lebenszeit angestellt. Waldes und die französichen Waldenser wählten mit Waldes’ Befugnis jährlich Leiter, die des Herrn Abendmahl austeilten und als Pastoren dienten. Daraus können wir schließen, dass wir es mit einer Gruppe zu tun haben, die im dreizehnten Jahrhudert jährlich das Abendmahl feierte. Die Behauptung, dass sie zu dieser Zeit den Sonntag heiligten, ist nicht belegbar.

 

Das historische Bild wird recht verwirrend, wenn man bedenkt, dass die Albigenser sich in den nördlichen, französischen Alpen aufhielten, während die Waldenser die südlichen, italienischen Alpen bewohnten. Wenn man die oben genannte Spaltung in Betracht zieht, wird einem klar, dass es nicht auszuschließen ist, dass die Namen, die die katholischen Inquisitoren den verschiedenen Gruppen gaben, die Vorstellung, die man sich von diesen Sekten bildete, beeinflusst haben. Die spanischen Edikte lassen jedoch schließen, dass wir es jedes Mal mit derselben Sekte zu tun haben. Die spätere Spaltung wird die Situation wiederum verändert haben, als die Sekte protestantisch-trinitarisch wurde. Dem Inquisitor von Passau zufolge hatte Böhmen 40 Jahre nach Waldes’ Tod 42 sogenannte Ketzernester (Adeney, op. cit.). König Ottokar begann die Verfolgung, die um 1335 unter Papst Benedikt XII ihren Höhepunkt erreichte. Das Erscheinen der Hussiten hatte die Verschmelzung einiger Mitglieder der zwei Gruppen (Taboriten genannt) zur Folge. Adeney zufolge war der bekannteste unter diesen der Barbe Friedrich Reiser. Nach 25 Jahren unter den Waldensern Böhmens und Österreichs wurde er 1458 in Straßburg verbrannt.

 

Es gab also mindestens vier Gruppen, die in etwa acht Ländern lebten. Einige wurden mit der Zeit in die Protestanten integriert. Es gab im dreizehnten Jahrhundert auch in Österreich Subordinationisten oder Unitarier. Der Inquisitor von Krems denunzierte im Jahre 1315 36 ihrer Stützpunkte und verbrannte 130 Märtyrer. Der Bischof  von Neumeister wurde als einer dieser Ketzer in Wien verbrannt. Er soll erklärt haben, dass es 80 000 Waldenser in dem Herzogtum von Österreich gegeben habe. Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts fand auch eine furchtbare Verfolgung in der Steiermark statt.

 

Von Österreich aus wurde gezielt in Italien Mission getrieben. Die Missionare wanderten als Hausierer nach Italien (Adeney, ibd.). Wie wir schon gesehen haben, hatten die Waldenser eine Hochschule in Mailand, als Waldes noch lebte. Daher ist es schwierig, mit Bestimmtheit festzustellen, ob die österreichischen Subordinationisten Waldenser waren, da die Evangelisierung von Österreich aus in Italien geschah. Der Bischof gehörte wahrscheinlich eher zu der Gruppe, die später als waldensisch bezeichnet wurde. Die Mitglieder dieser Gruppe wurden auch als Sabbatati, und später als Insabbatati bezeichnet. Dieser Name sollte von den hölzernen Sabots oder Schuhen abgeleitet sein, die sie trugen. Er ist aber wahrscheinlich eine Korrumpierung ihrer Ansichten über den Sabbat, die dann gleichzeitig ein Wortspiel ergab. Das entwickelte sich weiter in die Bezeichnungen Sabotiers, und noch später Sandaliati. Weber (C.E., Art. Waldenses, Band XV, S. 528) trifft keine linguistische Unterscheidung zwischen den Wörtern und verwechselt sie beim Gebrauch, um seine Position zu bestärken. Er ignoriert auch die Information, die von Adeney angeführt ist ganz und gar und behauptet, dass die Sekte auf Waldes zurückzuführen ist. Es ist möglich, dass Adeney über mehr Information verfügte, aber eine einseitige Ausrichtung ist in Webers Werk deutlich spürbar. Bei den verwirrenden historischen Fakten ist diese allerdings verständlich.

 

Das Predigen war den Waldensern vom Erzbischof verboten worden. Es wird behauptet, dass sie an das dritte Konzil von Lateran unter Alexander III appelliert hätten, obwohl sie schon vor dem Konzil von 1179 von der Obrigkeit verurteilt worden waren. Sie waren zu einem Vehör aufgerufen worden. Man muss bedenken, dass damals das mittelalterliche System dafür sorgte, dass die Staaten der Besitz ihrer Herrscher waren, und dass es, solange Rom über diese Länder das Sagen hatte, nicht möglich war, irgendeinem Glauben zu huldigen, der nicht mit dem Roms übereinstimmte. Deshalb mussten sie vor Gericht erscheinen, wenn sie vorgeladen wurden, auch wenn sie Rom keinen Treueeid geleistet hatten. Wenn sie es nicht taten, wurden sie auf jeden Fall verbrannt.

 

Es gab noch eine wichtige Spaltung unter den Waldensern. Sie rührte daher, dass die italienischen Waldenser solche Sakramente für wertlos hielten, welche von unwürdigen Priestern gespendet wurden. Die Franzosen stimmten mit dieser Ansicht nicht überein. Die Italiener verwarfen alle Sakramente, die von römischen Priestern gespendet wurden und bestanden gleichzeitig auf genaue Befolgung der lehren des Neuen Testaments. Diese Uneinigkeit wurde im Mai 1217, dem Jahr des Todes von Waldes, bei einer Konferenz besprochen (Adeney, ibd.). Die beiden Zweige der Waldenser namen mit der Zeit wieder Kontakt miteinander auf, aber es gab weiterhin klare Trennungen. In Frankreich existierte eine Gruppe parallel zu den Albigensern.

 

Aufzeichnungen der Inquisition des fünfzehnten Jahrhunderts weisen auf eine große Zahl einflussreicher Waldenser in Zentralitalien hin. In Kalabrien gelang es den Waldensern von Piemont, die Bewohner der meisten Gebiete zu überzeugen. Sie konnten sich 250 Jahre lang dort halten, bis sie durch erbarmungslose Verfolgung ausgerottet wurden.

 

Das französische Kirchensystem war trotz der Lehren des Waldes episkopal, während das italienische System presbyterianisch war. Hier bestand die Kirchenleitung aus einem Kirchenrat mit einem ‘obersten Pastor’ an der Spitze und einem Laienrat unter ihm. Die jährliche Synode bestand aus gleichen Zahlen von Ältesten und Laien (Adeney, ibd.).

 

Die Waldenser zentrierten sich allmählich um die Täler der Cottischen Alpen. So wurde ‘Vaudois’ als geographische Bezeichnung bestätigt. Adeney leugnet das, gibt aber zu, dass der Name ‘Waldes’ auf die Bettelmönche von Lyon zurückzuführen ist. So erweist es sich, dass die Waldenser in ihren frühen Stadien allgemein in den Alpen verbreitet waren und so auch den Einflüssen der Albigenser ausgesetzt waren. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die subordinationistischen Sekten, die fälschlicherweise von den Katholiken Manichäer genannt wurden, sich über Österreich, Frankreich und Spanien durch den Balkan haben ausbreiten können, ohne auch durch die Alpen gezogen zu sein und mit den Waldensern Kontakt aufgenommen zu haben, die ähnliche Gebiete bevölkerten. Die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ist, dass die Waldenser zu den Zeiten der Verfolgung anfingen, sich den Protestanten anzuschließen, einfach um überleben zu können. Als sie keine Subordinationisten mehr waren, konnten sie anfangen, den Sonntag einhalten. Spätere Historiker, die sich mit ihnen befassen, meinen sogar, dass sie immer den Sonntag eingehalten hätten.

 

Im fünfzehnten Jahrhundert litten die Täler wieder einmal unter schwerer Verfolgung, und zwar von dem Herzog von Savoyen. Sie wurden um 1434 gezwungen, in großen Zahlen auszuwandern. Im Jahre 1475 besuchte der Inquistor Acquapendente das Tal von Luzern und zwang die Oberherren, die Religion dort zu unterdrücken und der Inquisition zu gehorchen. Das führte zu einer Rebellion, was wiederum dazu führte, dass 1484 der Herzog Karl I eingriff. Im Jahre 1494 fand der erste große Angriff mit Hilfe von Streitkräften unter Philipp II (1490 Regent und 1496 Herzog von Savoyen) statt. Philipp wurde so schwer geschlagen, dass er den Rebellen einen 40-jährigen Frieden gewährte. Adeney gibt es zu, dass die theologischen Ansichten der Waldenser um diese Zeit nicht leicht zu ermitteln sind.

 

Wo wir doch waldensische Glaubensbekenntnisse antreffen, sind sie nachreformatorisch und von Lehren und Redewendungen durchzogen, die typisch für diese Bewegung sind. Der frühere Protestantismus war zum Teil negativ in seiner Ablehnung der katholischen Lehren und Bräuche, die nicht nach dem Neuen Testament gerechtfertigt werden konnten. Insofern er positiv war, vertrat er eine Rückkehr zur Glaubensschlichtheit und Vergeistigung der Anbetung, die der Urkirche eigen gewesen sein sollten (Adeney, S. 668).

 

Als die Reformation anbrach, waren die einzigen organisierten Gruppen Europas die Waldenser und die späteren Hussiten oder Böhmischen Brüder, die beide von der römisch-katholischen Kirche und den Protestanten schlechthin Waldenser genannt wurden (Aden